Interview mit Dr. Margret Scharrer über ihre Forschungsarbeit im Auftrag der Freunde der Alten Musik e.V. zum zehnjährigen Jubiläum der Barocktage Schrobenhausen

 

Was reizte Sie an der Forschungsarbeit zum Barock in Bayern und am Hof Max Emanuels?
 

Max Emanuel ist für mich eine sehr interessante Persönlichkeit; wie die meisten Fürsten seiner Zeit setzte es alles daran, innerhalb der höfischen Hierarchie aufzusteigen und sich vor seinen Standesgenossen angemessen zu präsentieren. In dem zeitgenössischen Fürstenspiegel Mundus-Christiano-Bavaro-Politicus heißt es: „Sunt duo, quae fatiunt, ut quis sit Nobilis: ars, Mars. Maior ab arte venit gloria, Marte minor.“ Krieg und Kunst gelten als hervorragende Mittel der fürstlichen Repräsentation, wobei im letzteren Falle der Kunst der Vorzug gegeben wird. In der Tat setzte Max Emanuel alles daran, um eine herausragende Kunstpatronage zu betreiben und dies ist ihm ohren- und augenscheinlich gelungen. Er zog herausragende Künstler an seinen Hof. Wunderbar ist in seinem speziellen Fall, dass wir uns davon noch heute ein ausführliches Bild machen können. München und Bayern sind voll von Bau- und Kunstdenkmälern, die es uns erlauben in die Epoche einzutauchen. Und nicht nur das, auch was die musikalische Prachtentfaltung anbelangt, ist so einiges erhalten. Die Archive und Bibliotheken sind voll mit Überlieferungen aus dieser Zeit. Hochkarätige Musiker und Komponisten aus Italien und Frankreich wirkten am kurfürstlichen Hof.
 

 

Wo und wie haben Sie Ihre Forschungen durchgeführt?

Ich habe vorrangig im Bayerischen Hauptstaatsarchiv und in der Bayerischen Staatsbibliothek in München gearbeitet. Beide Institutionen sind für mich wahre „Schatzkästen“. In der Bayerischen Staatsbibliothek werden u. a. zahlreiche Musikautographe und Operntextbücher aufbewahrt, die das musikalische Gedächtnis sind. Darunter befinden sich außerordentlich schöne Kompositionen, die seit Jahrhunderten nicht mehr gespielt wurden. In einer großen Breite wird ersichtlich, wie abwechslungsreich sich die Festkultur der bayerischen Wittelsbacher gestaltete. Das Hauptstaatsarchiv bewahrt im Fall der Hofmusik vor allem verwaltungstechnische Dokumente, die z.B. mitteilen, welche Musiker, Sänger oder Tänzer beschäftigt bzw. welche Anschaffungen für die Hofmusik getätigt wurden. Sehr interessant sind auch die Korrespondenzen, die Max Emanuel und andere Hofmitglieder geführt haben. Hunderte Briefe gingen seinerzeit zwischen den Höfen hin und her.

 


Was waren Ihre überraschendsten Erkenntnisse?


Max Emanuel, aber auch seine Nachfolger, Karl Albrecht und Max III. Joseph waren selbst passionierte Musiker. Von Kindheit an erhielten sie Musikunterricht, sie brachten es nicht nur zu großem technischen und musikalischem Können auf ihren Instrumenten, sondern sie komponierten teils auch. An den Opernproduktionen und Konzerten nahmen die Wittelsbacher regen Anteil und zogen sich schon mal in dem kalten Theaterbau eine Erkältung auf der Probe zu. Von Max Emanuel erfahren wir, dass er ein passionierter Gambist war, der selbst auf seinen Feldzügen sein Instrument nicht missen wollte und sich von seinen Musikern begleiten ließ. Er besaß zudem eine schöne Stimme. Nicht nur vor der eigenen Hofgesellschaft trat Max Emanuel in verschiedenen theatralischen und konzertanten Darbietungen auf. Bekannt ist, dass er sich auch in Versailles als Sänger präsentierte. Dass er auch an der musikalischen Erziehung seiner Kinder regen Anteil zeigte, geht aus der brieflichen Korrespondenz mit seiner Mätresse, der Gräfin Arco, hervor. Er ließ sich hier über die Fortschritte des gemeinsamen Sohnes, des Chevaliers de Bavière, regelmäßig informieren.

 
 

Was bedeuten Ihre Forschungen für die Barockmusik in Bayern?


Aufregend zu sehen ist, dass die Briefe, Tagebücher und andere Quellen es erlauben, eine Geschichte des Künstlertums der bayerischen Wittelsbacher zu schreiben, die es bisher noch nicht gibt. Speziell die Geschichte der Gambe am kurfürstlichen Hof hat mich während dieses Forschungsaufenthaltes in ihren Bann gezogen. Sie war ca. 100 Jahre eines der Instrumente, das von den Familienmitgliedern mit besonderer Vorliebe gespielt wurde. Davon zeugen übrigens auch verschiedene bildliche Darstellungen. Schön war es herauszufinden, wie tief die Musikliebe von Fürsten wie Max Emanuel ging. Seine brieflichen Äußerungen lassen dabei einen Menschen fernab der höfischen Konventionen sichtbar werden, einen Musikliebenden, der mit großer Hingabe täglich musizierte.  

 

Was ist künftig auf dem Gebiet der bayerischen Barockmusik zu tun?
 

Es gibt eine beachtliche musikgeschichtliche Vergangenheit neben Wagner, Mozart oder Lasso. Die musikalischen Zeugnisse im Bayern des 17. und 18. Jahrhunderts sind ein wahrer Schatz, den es zu heben gilt. Er hält zahlreiche wunderbare Überraschungen für uns bereit. Es gibt sehr viele Themen und Aspekte, die untersucht werden sollten. Neben den höfischen Kulturen sind dies natürlich auch die unterschiedlichen kirchlichen Institutionen. Wir wissen noch immer viel zu wenig über die bayerische Kirchmusikpraxis, aber auch ausführliche Untersuchungen zum höfischen und städtischen Konzertwesen stehen noch aus. Auch die Opernpraxis des 17. und 18. Jahrhunderts ist in einigen Punkten noch immer viel zu wenig erforscht. Bayern und seine Musik sind für Musiker, Musikwissenschaftler und Musikliebhaber ein Eldorado, das entdeckt werden muss!

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